Triangulierung
Wenn Kinder in die Elternebene gezogen werden
Vielleicht kennst du das Gefühl, ständig für andere da zu sein – auch wenn du selbst längst erschöpft bist. Du schlichtest, vermittelst, sorgst dafür, dass die Stimmung passt. Und irgendwie machst du das schon so lange, dass es sich wie ein Teil von dir anfühlt.
Vielleicht liegt die Wurzel dieses Musters viel früher, als du dachtest. In der systemischen Arbeit nennen wir das Triangulierung.
In diesem Blogartikel schauen wir genau darauf: was Triangulierung ist, wie sie sich in einem Menschenleben zeigt – und was möglich wird, wenn du das Muster erst einmal erkennst.
In diesem Beitrag zur Triangulierung erfährst Du..
- Was ist Triangulierung?
- Wie erleben Kinder das?
- Welche Auswirkungen kann das haben?
- Die systemische Ordnung
- Ein Beispiel aus meiner Praxis
- Die Lösung...
- Fazit...
Was ist Triangulierung?
Triangulierung beschreibt eine Dynamik, bei der ein Kind aus der Kind-Ebene in die Elternebene hineingezogen wird. Es bekommt eine Aufgabe, die ihm nicht zusteht – und die verhindert, dass es sich als eigene Persönlichkeit frei entwickeln und wachsen kann.
In allen systemischen Konflikten geht es darum, dass die Ordnung durcheinander geraten ist: dass wir alte Dinge mit übernehmen oder in Ebenen hineingezogen werden, wo wir als Kind nicht hingehören.
Triangulierung ist –
- wenn Eltern als Paar Konflikte miteinander haben und Kinder Partei ergreifen oder Vermittler spielen. Sie wollen das „Nest“ schützen und die Familie zusammenhalten.

2.Wenn Eltern, statt allein oder mit anderen Erwachsenen ihre Probleme zu klären, das Kind als dritte Person in den Streit hineinziehen. Ein Elternteil beschwert sich beim Kind über den anderen, bittet es, eine Nachricht zu überbringen – oder sucht bei ihm Trost und Unterstützung.

Wie erleben Kinder diese Triangulation?
Viele Kinder fühlen sich dadurch:
- verantwortlich für den Streit der Eltern
- hin- und hergerissen zwischen beiden
- wie in einem Loyalitätskonflikt gefangen: Sie haben das Gefühl, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite sie stehen. Obwohl sie beide Eltern lieben.
- Manche versuchen, Frieden zu schaffen und die Eltern zu „retten“. Andere ziehen sich zurück oder versuchen, es allen recht zu machen.
- überfordert oder schuldig
Welche Auswirkungen kann eine Triangulation haben?
Wenn Kinder regelmäßig in solche Konflikte hineingezogen werden, kann das ihre Entwicklung nachhaltig beeinflussen.
Zum Beispiel:
- Sie lernen, die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als ihre eigenen.
- Sie entwickeln Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen.
- Sie fühlen sich schnell verantwortlich für die Gefühle anderer.
Erwachsene, die das als Kinder erlebt haben, geraten oft wieder in ähnliche Rollen:
- Vermittler*in zwischen anderen
- Friedensstifter*in um jeden Preis
- Menschen, die Konflikte um jeden Preis vermeiden
- Auch spätere Beziehungen können darunter leiden.
- Manche bleiben dauerhaft allein.
Die systemische Ordnung
Nach der systemischen Ordnung hat ein Kind in der Mann-Frau-Beziehung der Eltern nichts zu suchen.
Es darf sich nicht einmischen und auch nicht von den Eltern für deren Zwecke missbraucht werden – sei es, um den Partner zu binden, Druck auf ihn auszuüben oder um sich über ihn zu beklagen (z. B.: „Deine Mutter / dein Vater ist so böse zu mir“).
Geschieht dies trotzdem, führt es meist zu Störungen in der persönlichen Entwicklung.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Marias Geschichte
Ich erzähle dir hier ausführlich von einer meiner Coachingkundinnen. Nennen wir sie einfach Maria. Am Beispiel von Maria zeigt sich ganz deutlich, wie Triangulierung aussehen kann und welche Auswirkungen sie als erwachsene Person verursachen kann. Und sie zeigt auch, dass es möglich ist, daraus auszusteigen – auch mit 56 Jahren ist es dafür nicht zu spät.
Maria, 56 Jahre, Single, Assistentin der Geschäftsleitung eines großen internationalen Konzerns.
Das Ausgangsthema beim Coaching waren permanente Müdigkeit und massiver Stress. Sie führte das auf einen Konflikt mit ihrem Chef zurück und suchte dafür nach Lösungen.
Als persönliche Assistentin ihres Chefs organisierte sie nicht nur seine geschäftlichen Angelegenheiten, sondern darüber hinaus auch seine persönlichen Belange. Der Chef hatte vor Ort eine Zweitwohnung und fuhr nur am Wochenende zu Frau und Kindern nach Hause.
Während der Woche brachte meine Kundin seine Hemden und Anzüge in die Wäscherei und holte sie dort wieder ab, erinnerte an Geburtstage, kaufte Blumen für die Frau, kaufte Lebensmittel ein, damit der Kühlschrank gefüllt war, wenn der Chef von einer seiner vielen Geschäftsreisen zurück kam. Das alles tat sie meist nach der Arbeitszeit – unentgeltlich.
Maria: „Ich lebe ja eh allein. Zuhause wartet sowieso niemand auf mich, da habe ich das einfach gemacht. Nur langsam wird es mir zu viel und er (Chef) nimmt es ganz selbstverständlich in Anspruch.“
CT: „Kennst du das auch aus anderen Lebensbereichen, dass du mehr gibst, als eigentlich angesagt ist, und du selbst nicht auf deine Kosten kommst?“
Maria: „Das ist wie bei meinen Eltern“,
kam wie aus der Pistole geschossen und die ersten Tränen rollten. Schon waren wir mitten im wirklichen Thema: Maria konnte sich nicht abgrenzen.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Maria, Einzelkind, wurde immer in die permanent kriselnde Elternbeziehung hineingezogen. Von klein auf war sie die Vermittlerin, wenn Vater und Mutter Streit hatten und nicht mehr miteinander redeten. Um wenigstens etwas Abstand zu bekommen, suchte sie sich mit über 40 Jahren diesen Arbeitsplatz in einer anderen Stadt.
Doch auch der Auszug aus dem Elternhaus und eine Distanz von 450 km brachten keine Lösung.
Mal rief der Vater an und klagte: „Stell dir vor, was sich deine Mutter wieder erlaubt hat …“ – und eine Salve von Beschwerden prasselte auf sie nieder.
Oder ihre Mutter war am Telefon und jammerte: „Ach Kind, dein Vater, was soll ich sagen, jetzt hat er doch schon wieder …“
CT: „Und was machst du dann?“
Maria: „Ja, ich spreche dann je nachdem mit meiner Mutter oder meinem Vater und versuche zu schlichten. Und am Wochenende fahre ich heim, damit sie sich wieder beruhigen. Aber das ist anstrengend – immer diese Fahrt am Freitagnachmittag, voll im Wochenendverkehr, und am Sonntag wieder die gleiche Strecke zurück. Dann bin ich froh, am Sonntagabend wieder hier zu sein, völlig erschlagen. Doch am Montag geht es ja dann hier weiter.“
Jetzt liefen die Tränen erst recht, und der ganze Stress von Maria zeigte sich.
CT: „Maria, was würde denn passieren, wenn du am Wochenende nicht zu deinen Eltern fährst?“
Maria: „Die würden sich am Ende noch scheiden lassen.“
CT: „Ja, und dann? Da sie offensichtlich miteinander nicht gut können, wäre das ja vielleicht eine gute Lösung für beide, oder?“
Maria (völlig entsetzt und mit der Stimme eines kleinen Mädchens schluchzend): „Und wo soll ich dann hin? Dann habe ich ja kein Daheim mehr.“
In diesem Moment wurde der 56-jährigen Frau bewusst: Obwohl sie Chefassistentin mit Topgehalt war, hatte sie sich nicht abgenabelt. Nach dem Gebrauch einiger weiterer Taschentücher zum Tränen Trocknen schaute sie mich ganz erstaunt an – wie gerade aus einem tiefen Traum aufgewacht.
Maria: „Du denkst sicher, es ist an der Zeit, mich abzunabeln und die beiden einfach machen zu lassen. Schlimmer kann es eh nicht werden.“
CT: (lachend) „Ja, schon. Wie könntest du denn mit dem Abnabeln anfangen?“
Maria (jetzt mit zunehmend kraftvollerer, energischerer Stimme): „Ich könnte den Beiden, egal wer anruft, einfach sagen: Klärt das miteinander. Ich mag das nicht mehr hören.“
Maria rückte sich auf ihrem Stuhl zurecht und erschien plötzlich größer, aufgerichteter.
Maria: (mit sehr entschlossener Stimme) „Ja, das sage ich.“
Im weiteren Verlauf des Coachings kam noch die Idee auf, jedem Elternteil einen Brief zu schreiben und darin zu erklären, dass sie ab sofort nicht mehr für diese Art der Gespräche zur Verfügung steht und mindestens die nächsten vier Wochen nicht nach Hause kommt.
Und für die Ausgangssituation mit ihrem Chef hatte Maria auch gleich einige Ideen. Sie erstellte eine Liste aller Botengänge und Dienstleistungen, die sie für ihn privat erledigt, schaute, ob es professionelle Dienstleister dafür gibt (z. B. Reinigung mit Hol- und Bring-Service), ermittelte die Preise und legte sie dem Chef vor. Bei allen anderen Aufgaben bot sie ihm an, sie künftig gegen Bezahlung zu übernehmen – oder eben nicht mehr.
Vier Wochen später bekam ich von Maria eine Karte aus Mallorca. Sie hatte sich ganz spontan eine Woche Urlaub zum Abbau von Überstunden gegönnt.
Der Chef war ganz erstaunt über die Liste und stimmte ohne Diskussion zu.
Die Eltern waren beide erst einmal beleidigt und meldeten sich längere Zeit nicht mehr.
Maria hielt das aus, schloss sich einem Wanderverein an und fuhr erst einmal an den Wochenenden zum Wandern – statt zu den Eltern.
Das tat ihr richtig gut. Ihre Stressbeschwerden nahmen rapide ab. Sie krempelte nach und nach sich selbst (Kleidung, Frisur) und ihr ganzes Leben um – und ging aktiv auf Partnersuche.
Maria hatte in den sechs Monaten Coaching ihr Leben von Grund auf verändert.
In der systemischen Arbeit zeigt sich immer wieder: Ordnung heilt.
Die Lösung – Ordnung für diese Dynamik
Die Lösung / Ordnung für diese Dynamik bedeutet:
Wording der Eltern, wenn sich ein Kind in die Partnerschaft einmischt:
„Was wir als Mann und Frau miteinander zu tun haben, geht dich nichts an. Halte dich da raus. Wir machen das. Als Vater und Mutter sind wir ganz für dich da.“
Oder die Mutter sagt zum Kind, wenn es einen Schlichtungsversuch unternommen hat:
„Dafür bin ich zuständig und ich mache das auf meine Art und Weise. "Du kannst spielen gehen.“
Dein Lösungssatz, wenn du dich als trianguliertes Kind wiedererkennst, kann lauten:
„Liebe Mama, lieber Papa, das ist eure Sache. Da halte ich mich ab jetzt raus.Ihr seid die Großen – ich bin der/die Kleine von uns. Ich mach jetzt mein Ding.“
» Glücklichsein ist keine Kunst.
Die wirkliche Kunst ist zu wissen, was man tun kann, wenn man unglücklich ist. «
Jasper Juul
🌟 Fazit: Egal, wie alt du bist – es ist nie zu spät
Genau darum geht es – egal wie alt du bist:
ums Hinschauen und eigenverantwortlich handeln.
Auch dann, wenn wir längst erwachsen sind. Denn erst wenn wir die Muster erkennen, können wir wirklich daraus aussteigen.
Deine Geschenke an dich selbst sind innere Freiheit und der Blick nach vorne. Freie Energie und Zeit für deine eigenen Ziele und Visionen. Du musst an nichts mehr festhalten, was dir nicht gut tut. Du kannst Konflikte sauber klären, gesündere Beziehungen führen – mit klaren Grenzen und echter Verantwortung für deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse.
… und es ist nie zu spät, sich für das eigene glückliche Leben zu entscheiden.
👉 Im nächsten Blogartikel geht es um das Thema:
Parentifizierung – die Steigerung von Triangulierung
PS: Ich freue mich über deine Kommentare weiter unten

Hallo,
ich bin Christine,
ich bin systemische Coach aus Überzeugung und Leidenschaft.
Meine Vision:
Ich helfe anderen Menschen dabei, sich von allem frei zu machen, was Sie daran hindert, die eigene Brillanz zu leben.
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